Das letzte Geleit der Sikahirsche: Ein Familienbetrieb vor dem Aus
Heute ist der 20.07.2026 und die Luft in Salzburg ist warm und einladend. Doch während die Sonne strahlt, gibt es in St. Margarethen einen Schatten, der über dem Erlebnisgut Schlögelberger schwebt. Seit fast 40 Jahren sind die Sikahirsche ein Teil des Familienbetriebs von Leonie Sampl und ihrem Vater Hannes. Diese majestätischen Tiere, die ursprünglich aus Japan stammen und im 19. Jahrhundert nach Europa eingeführt wurden, sind nicht nur ein fester Bestandteil der Landschaft, sondern auch eine Attraktion für Hochzeitsfotos. Doch jetzt droht ihnen das Aus – eine neue EU-Verordnung verbietet die Haltung von Sikahirschen in Österreich. Bis August 2027 müssen alle dieser Tiere getötet werden, und das setzt die Familie Sampl enorm zu.
Die Entscheidung, Sikahirsche als „invasive Art“ einzustufen, bringt nicht nur moralische Fragen mit sich, sondern auch wirtschaftliche Herausforderungen für das Erlebnisgut. Leonie beschreibt das Fleisch der Sikahirsche als qualitativ hochwertig – besser als herkömmliches Wild und sehr gefragt. In der eigenen Metzgerei wird das Fleisch verarbeitet, doch jetzt, wo die Verordnung in Kraft tritt, ist die Zukunft des Familienbetriebs ungewiss. Leonies Großvater begann vor fast vier Jahrzehnten mit der Haltung dieser besonderen Tiere, und nun steht alles auf der Kippe. Die EU befürchtet, dass Sikahirsche sich mit heimischem Rotwild kreuzen und so die Reinheit der Art gefährden könnten. Die Familie Sampl hat jedoch seit jeher darauf geachtet, Rotwild und Sikawild in getrennten Gehegen zu halten – ohne Probleme, wohlgemerkt.
Ein Blick über die Grenzen Österreichs
Im Sauerland, nur einen Katzensprung entfernt, sind Sikahirsche ebenfalls eine Attraktion in verschiedenen Parks. Hier gibt es eine der größten Populationen in Deutschland, mit etwa 4.000 Tieren im Arnsberger Wald. Diese hohe Zahl führt jedoch auch zu Problemen – Schäden an jungen Bäumen sind keine Seltenheit. Die EU hat Sikawild auf die Liste der invasiven Arten gesetzt, um heimische Arten zu schützen. Zu den anderen „Problemkindern“ gehören unter anderem die Nilgans und der Riesenbärenklau. Ein Europaabgeordneter setzt sich sogar für Ausnahmeregelungen ein, während in Österreich die Stimmen der Kritiker lauter werden. Salzburgs Landeshauptmann-Stellvertreterin Marlene Svazek bezeichnet die Verordnung als schädlich für die heimische Landwirtschaft, und FPÖ-Niederösterreich-Jagdsprecher Hubert Keyl spricht von einem „Knieschuss“ für die Jägerschaft.
Die Verordnung (EU) 2025/1422, die seit 7. August 2025 in Kraft ist, zieht ein Verbot von Haltung, Züchtung, Transport und Vermarktung nach sich. Über 250 landwirtschaftliche Gehege-Betriebe in Österreich sind betroffen, und laut dem Verband der Sika-Halter droht ein volkswirtschaftlicher Schaden von rund 16 Millionen Euro. Die EU plant die Ausrottung von über 7.000 heimischen Sika-Hirschen bis 2027. Das klingt nach einem großen Verlust – nicht nur für die Natur, sondern auch für die Kultur und Wirtschaft der Region.
Die letzten Tage der Sikahirsche
Die Familie Sampl steht vor einer schmerzlichen Entscheidung. Der Großvater, der vor 40 Jahren mit der Haltung begann, hätte sich nie träumen lassen, dass sein Lebenswerk eines Tages so bedroht sein könnte. Die Tiere, die über die Jahre nicht nur zu Haustieren, sondern auch zu einem Symbol für das Erlebnisgut geworden sind, müssen nun weichen. Leonie und Hannes müssen sich fragen, wie sie ohne diese Tiere weitermachen können. Die Qualität des Fleisches wird nicht mehr gefragt sein, und die Hochzeitsfotos werden ohne die Sikahirsche nicht mehr dieselbe Anziehungskraft haben. Die EU-Verordnung stellt nicht nur die Sikahirsche in Frage, sondern auch die Zukunft der Familie Sampl und ihres geliebten Betriebs.
Man fragt sich, ob es nicht einen besseren Weg gibt, um die heimischen Arten zu schützen, ohne die kontrollierte Haltung dieser faszinierenden Tiere zu verbannen. Die Debatte ist komplex und wird sicherlich noch lange anhalten. Für die Familie Sampl bleibt nur zu hoffen, dass sich die Lage noch wenden kann – vielleicht gibt es ja doch noch einen Ausweg aus diesem Dilemma. Aber bis dahin heißt es Abschied nehmen von den Sikahirschen, die so lange Teil ihres Lebens waren.
