Die Nachrichten aus Salzburg bringen eine dunkle Welle von Empörung mit sich. Ein 58-jähriger ehemaliger Familienhelfer des SOS-Kinderdorfs Seekirchen wurde wegen schwerer Missbrauchsvorwürfe verurteilt. Die Taten, die in den Jahren 2017 bis 2019 begangen wurden, betreffen zwei unmündige Mädchen, beide unter 14 Jahren. Es wird berichtet, dass der Angeklagte seine Position in der Erziehungsanstalt ausgenutzt hat, um die Mädchen durch wiederholte Berührungen im Brust- und Schambereich zu missbrauchen. Er ging sogar so weit, eines der Mädchen mit Drohungen und Gewalt, etwa durch Ziehen an den Ohren, dazu zu zwingen, niemandem von den Übergriffen zu erzählen.

Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu neun Monaten Haft, wobei sechs Monate davon auf Bewährung ausgesetzt wurden. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig. Interessanterweise hatte der Mann bereits 2021 eine Vorstrafe wegen sexuellen Missbrauchs einer Unmündigen. Dies ist nicht der erste Vorfall, der das SOS-Kinderdorf in ein schlechtes Licht rückt. Im Mai 2019 wurde er dort dienstfrei gestellt und sein Arbeitsverhältnis beendet, nachdem die ersten Vorwürfe aufgetaucht waren. Die neuen Anschuldigungen wurden erst 2024 bekannt, als eines der Mädchen sich einer Betreuerin anvertraute. Zuvor hatten die Mädchen 2018 über unangemessenes Verhalten des Angeklagten geklagt, jedoch keine sexuellen Übergriffe erwähnt.

Ein tieferer Blick in die Problematik

Die Vorfälle in Salzburg sind Teil eines größeren und beunruhigenden Bildes, das sich im Zusammenhang mit SOS-Kinderdorf zeichnet. Eine unabhängige Kommission hat in Deutschland 226 Fälle von Übergriffen in Einrichtungen von SOS-Kinderdorf untersucht – und das seit den 1960er-Jahren. Der Abschlussbericht zeigt, dass die Schwere der Übergriffe im Laufe der Jahre abgenommen hat, Meldungen reichen jedoch bis in die Gegenwart. Kommissionsvorsitzender Klaus Schäfer äußert, dass es wahrscheinlich eine Dunkelziffer gibt, die nicht verifiziert werden kann. Die Übergriffe umfassen nicht nur sexuelle Gewalt, sondern auch körperliche und psychische Gewalt, in einigen Fällen sogar Vergewaltigungen.

In den letzten Jahren wurden 189 Fälle über eine interne Meldestelle seit 2010 registriert, darüber hinaus kamen 37 weitere Meldungen durch einen Aufruf in Regionalzeitungen im Jahr 2023 hinzu. Rund 40 Prozent dieser Übergriffe fanden in Kinderdorffamilien und Wohngruppen statt. Erschreckend ist auch, dass etwa die Hälfte der Taten von Mitarbeitenden wie Kinderdorfmüttern oder Erziehern begangen wurde. Die Vorstandsvorsitzende Sabina Schutter hat sich bereits entschuldigt und eingeräumt, dass nicht immer angemessen auf Beschwerden reagiert wurde.

Ein System im Wandel

Die Probleme sind nicht neu. Ein interner Untersuchungsbericht von SOS-Kinderdorf dokumentiert jahrzehntelange Vertuschungen von Missbrauch und sexueller Gewalt gegen Kinder. Die Vorwürfe reichen bis in die 1980er-Jahre zurück und beinhalten schwerwiegende Missstände, die oftmals verschwiegen wurden. Es gibt Berichte über Kinderschwangerschaften, die auf Vergewaltigungen zurückzuführen sind, und darüber, dass Mädchen zu Zwangsabtreibungen gedrängt wurden, ohne dass die Zustimmung ihrer Familien eingeholt wurde. Die Vorwürfe sind nicht nur auf Österreich beschränkt, sondern betreffen mehrere Länder.

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Eine unabhängige Sonderkommission wurde 2021 eingerichtet, um diesen Vorwürfen nachzugehen. Sie sichtete Tausende Dokumente und führte rund 200 Interviews mit Opfern und ehemaligen Mitarbeitenden. Diese Bemühungen sind ein wichtiger Schritt in Richtung Transparenz, aber die Herausforderungen bleiben groß. SOS-Kinderdorf hat nun einen „Aktionsplan Kinderschutz“ ins Leben gerufen, der die Beschäftigung von Kinderschutzfachkräften vorsieht. Ab 2025 soll in jeder Kinderdorffamilie eine „Jahresreflexion“ stattfinden, um Risiken frühzeitig zu erkennen.

Die Vorfälle, die in Salzburg ans Licht kamen, sind ein Teil eines viel größeren Problems, das nicht nur die einzelnen betroffenen Kinder betrifft, sondern auch das gesamte System herausfordert. Es bleibt abzuwarten, ob die angekündigten Reformen und Maßnahmen tatsächlich zu einer Verbesserung führen werden, oder ob wir weiterhin mit den Schatten der Vergangenheit leben müssen.