Sven Klemens: Von der Ehe zur Freiheit – Ein Coming-out im Spätverlauf
Es gibt Geschichten, die uns zeigen, wie vielschichtig das Leben sein kann. Sven Klemens, ein Mann aus Nordrhein-Westfalen, ist so eine Geschichte. Ursprünglich hatte er kein Interesse an Männern – weder in der Schule noch später an der Uni. Er war verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebte in einer scheinbar typischen Familie. Doch das Leben hat bekanntlich seine eigenen Pläne, und bei Klemens war das nicht anders. Irgendwie unbewusst entdeckte er seine Homosexualität, eine Offenbarung, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte.
Klemens beschreibt seine Jugend als eine Zeit ohne Anzeichen für sein Interesse an Männern. Stattdessen widmete er sich leidenschaftlich der Musik, dem Theater und der Kunst. Die Querflöte war sein Begleiter, und das Marionettentheater ein Ort, an dem er seine Kreativität ausleben konnte. Ende der 80er-Jahre lernte er seine Ex-Frau kennen, die mit ihrer burschikosen Art und der gemeinsamen Liebe zur Musik sein Herz eroberte. 1992 heirateten sie. Doch in dieser Zeit ahnte Klemens noch nicht, dass seine wahre Identität in den Schatten lag.
Der erste Schritt in eine neue Welt
Ein gemeinsamer Saunabesuch – für viele ein ganz normaler Freizeitspaß, für Klemens jedoch der erste Schritt in sein neues Leben. Seine Neugier führte ihn 1995 in die Welt der „Gay-Saunen“. Während seine Frau verreist war, begann er, diese Orte zu besuchen und hatte dort seine ersten Erfahrungen mit Männern. Wochenenden verbrachte er manchmal bis zu drei Tage in den Saunen. Ein Doppelleben, das er sieben Jahre lang führte, bis er 2002 den Mut fand, seiner Frau zu gestehen, dass er auf Männer steht.
Die Reaktion seiner Frau? Ruhig, aber mit der Überzeugung, dass er seine Homosexualität nicht ausleben müsse. Ein verzweifelter Versuch, die Ehe zu retten, führte sie zur Familienberatung – letztlich ohne Erfolg. 2004 zog Klemens aus, und 2006 ließ er sich scheiden. Nach der Trennung fühlte er sich endlich frei und begann, offen homosexuelle Kneipen und Clubs zu besuchen. Seine Kinder erfuhren früh von seiner Homosexualität – durch ihre Mutter. Der Kontakt zu ihrem Vater nach der Trennung war jedoch rar und distanziert.
Ein neues Zuhause in der queeren Community
Die queere Gemeinschaft wurde für Klemens zu einer Art Ersatzfamilie. Hier fand er Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, und auch die Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Besonders das SCHLAU-Projekt, ein Bildungs- und Antidiskriminierungsnetzwerk, ist ihm wichtig. Zudem ist er aktiv in der Gruppe „Schwule Väter Essen“. Diese Initiativen sind für ihn bedeutend, da sie helfen, die Herausforderungen des Coming-outs zu bewältigen. Klemens betont, wie wichtig solche Gruppen sind, besonders solange es noch Vorurteile und Schwierigkeiten gibt.
Das Handbuch „Homosexualität in der Familie“, veröffentlicht vom Familien- und Sozialverein des LSVD, bietet ebenfalls wertvolle Unterstützung. Es basiert auf Erfahrungen von fast drei Jahren Projektarbeit und umfasst Themen wie den Umgang mit Angehörigen und späte Coming-outs. Solche Ressourcen sind entscheidend, um Familien zu helfen, die Herausforderungen eines späten Coming-outs zu meistern und Vorurteile abzubauen. Das Handbuch ist kostenlos erhältlich und bietet eine Fülle von Informationen, die auf die Bedürfnisse von Familien eingehen.
Die Geschichten von Männern wie Klemens sind mehr als nur Einzelberichte. Sie sind Teil eines größeren gesellschaftlichen Wandels, der Akzeptanz und Verständnis fördert. In einer Welt, in der das Coming-out für viele noch ein steiniger Weg ist, sind sowohl persönliche Erzählungen als auch strukturelle Unterstützung von entscheidender Bedeutung. Ein Schritt nach dem anderen, und vielleicht wird die Welt eines Tages ein Ort, an dem jeder sein kann, wer er wirklich ist.
