In der letzten Zeit hat sich in der Gesundheitslandschaft Österreichs ein Thema herauskristallisiert, das viele Menschen betrifft, aber oft im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung steht: das Myalgische Enzephalomyelitis/Chronische Fatigue-Syndrom, besser bekannt als ME/CFS. Seit der Coronapandemie haben sich die Zahlen der Betroffenen erhöht. Schätzungen zufolge leiden in Österreich etwa 73.600 Menschen an dieser chronischen Erkrankung, die mit enormen physischen und psychischen Belastungen einhergeht. Der Neurologe Michael Stingl hat sich intensiv mit der Thematik beschäftigt und erklärt, wie wichtig es ist, ME/CFS ernst zu nehmen. Schließlich ist es niemandem zum Lachen, wenn man ein ganzes Jahr lang nicht waschen kann – und das ist nur ein kleiner Einblick in das Leid, das diese Krankheit mit sich bringt.
Die Symptome von ME/CFS können überwältigend sein. Eine der charakteristischsten Erscheinungen ist die sogenannte Post Exertional Malaise, bei der sich der Zustand der Betroffenen nach körperlicher oder geistiger Anstrengung dramatisch verschlechtert. Das kann Tage andauern und die einfachsten Alltagsaktivitäten zur Herausforderung machen. Viele Menschen, die darunter leiden, berichten von einem ständigen Gefühl der Müdigkeit, Schlafstörungen, Gedächtnisproblemen und Schmerzen, die das Leben zur puren Qual machen. Es ist kein Wunder, dass diese Krankheit oft mit Somatisierungsstörungen verwechselt wird, was zu einer Stigmatisierung der Betroffenen führt. Und das ist nicht nur frustrierend, sondern kann auch dazu führen, dass sie die notwendige Hilfe nicht erhalten.
Die Versorgungslage und ihre Herausforderungen
Ein weiteres großes Problem ist die mangelhafte Versorgungssituation in Österreich. Es fehlen spezialisierte Behandlungszentren, und viele Betroffene müssen sich mit einer allgemeinen medizinischen Betreuung begnügen. Stingl weist darauf hin, dass es sogar Personen gibt, die aktiv gegen eine angemessene Versorgung für ME/CFS arbeiten. Das ist nicht nur unverständlich, sondern auch höchst bedauerlich, da die Ursachen der Krankheit oft unklar sind und häufig ein Infekt den Auslöser darstellt. Manchmal wird vermutet, dass sie sogar eine Autoimmunerkrankung sein könnte.
Es gibt zwar Behandlungsmöglichkeiten, die in der Regel symptomatisch sind – wie Schmerztherapie, Schlaftherapie oder Kreislaufregulationsstörungen – aber die Wirksamkeit variiert stark von Person zu Person. Nahrungsergänzungsmittel, die in vielen Fällen eingesetzt werden, müssen individuell getestet werden, um zu sehen, ob sie helfen. Bei der Diagnose von ME/CFS gibt es allerdings keine definitive Untersuchung. Oft geht es darum, andere mögliche Ursachen auszuschließen. So werden Laborwerte, insbesondere im Bereich des Immunsystems, betrachtet, und Tests wie der Schellong- oder NASA Lean Test sind wichtig, um die Funktion des autonomen Nervensystems zu überprüfen.
Ein Lichtblick in der Forschung
Auf der Forschungsseite tut sich jedoch etwas. Immer mehr Aufmerksamkeit wird dem Thema gewidmet, und es gibt Initiativen zur Fortbildung für Ärzte. Ein Live-Webinar mit dem Titel „ME/CFS in Praxis und Forschung“ wird beispielsweise am 5. und 19. November 2025 angeboten. Hier können Mediziner lernen, wie sie die Erkrankung erkennen und behandeln können. Auch die DG.ME/CFS fördert kleinere explorative Studien mit einem Betrag von 25.000 Euro. Das zeigt, dass es einen klaren Handlungsbedarf gibt, sowohl in der Forschung als auch in der praktischen Versorgung der Betroffenen.
Insgesamt bleibt zu hoffen, dass das Bewusstsein für ME/CFS weiter wächst. Es ist essenziell, dass die Gesellschaft die Bedürfnisse und Herausforderungen der Erkrankten anerkennt und unterstützt. Denn am Ende des Tages sind es Menschen, die leiden, und die einen Platz in der medizinischen Welt verdienen. Wenn wir alle ein bisschen mehr Verständnis und Mitgefühl zeigen, könnte das schon einen großen Unterschied machen.
