Die Zeit steht nicht still, und das gilt besonders für die historischen Gebäude, die unsere Städte prägen. In Salzburg, wie auch in Linz, wächst das Bewusstsein für nachhaltige Architektur und die Wiederverwendung bestehender Strukturen. Das Thema „Adaptive Re-use“ hat in den letzten Jahren nicht nur an Popularität gewonnen, sondern ist auch eine Notwendigkeit geworden, um die Umwelt zu schonen und gleichzeitig urbanen Raum sinnvoll zu nutzen.
Vor über zwei Jahrzehnten wagten Gerhild und Ute Schremmer den Schritt, die Linzer Tuchfabrik „Himmelreich und Zwicker“ umzuwidmen. Damals war der Begriff „Adaptive Re-use“ ein Geheimtipp unter Architekten. Doch die Idee, ein denkmalgeschütztes Gebäude vor dem Abriss zu bewahren, entwickelte sich aus einer Bürgerinitiative zu einem vorbildlichen Projekt. Heute beherbergt die ehemalige Fabrik Wohnungen und Lofts, ergänzt durch einen Neubau, einen Supermarkt und sogar einen Kirchenraum. Die hohen Räume von über 4,50 Metern, einst als Nachteil betrachtet, haben sich mittlerweile als attraktive Wohnflächen etabliert.
Nachhaltigkeit im Fokus
In den letzten zehn Jahren hat das Thema Nachhaltigkeit nicht nur die Architekturszene erobert, sondern auch die breite Öffentlichkeit erreicht. Linz strebt gar an, bis 2040 klimaneutral zu werden – eine ambitionierte Vision, die den Bausektor vor große Herausforderungen stellt. Die Bauwirtschaft zählt zu den größten CO₂-Verursachern, verantwortlich für etwa 40% der globalen Emissionen. Um dem entgegenzuwirken, wurde die Initiative re_use Linz ins Leben gerufen, die den Übergang zu einer kreislauffähigen Bauweise fördern soll.
Die anstehende Konferenz re_use Linz, die im November 2025 stattfindet, wird ein Forum für Akteure aus Bauwirtschaft, Forschung und Finanzwesen bieten. Hier sollen neue Standards gesetzt und klimarelevante Entscheidungen auf einer gemeinsamen Wissensbasis getroffen werden. Bürgermeister Dietmar Prammer hebt die Notwendigkeit der Kooperation zwischen verschiedenen Sektoren hervor – ein Konzept, das auch beim Umbau der ehemaligen Mozartkugel-Fabrik in Grödig anwendbar ist.
Innovative Ansätze für alte Fabriken
Die Smartvoll-Architekten, die für die Umwandlung der einstigen Fabrik verantwortlich sind, stehen vor der Herausforderung, natürliches Licht ins Innere des Gebäudes zu bringen. Neue Atrien und zusätzliche Treppenhäuser werden integriert, um den Raum zu beleben. Das geplante Bürogebäude wird in flexible Einheiten von rund 600 Quadratmetern unterteilt, die je nach Bedarf zusammengelegt werden können. Eine Bauverhandlung, die normalerweise Jahre dauert, wurde hier schnell abgeschlossen – ein Zeichen für den wachsenden Druck, alte Strukturen neu zu nutzen.
Doch die Wiederverwendung von Materialien ist nicht immer einfach. Zwar wird an Projekten gearbeitet, die Ziegel, Terrazzoböden und Gipskartonwände wiederverwerten, aber die Rückgewinnung von Gipskarton und Glas bleibt eine wirtschaftliche Herausforderung. Hier zeigt sich die Komplexität der Circular Economy im Bauwesen, die nicht nur einen bewussteren Umgang mit Ressourcen verlangt, sondern auch eine Änderung der Denkweise – weg von linearer, hin zu kreislauffähiger Bauweise.
Die Zukunft des Bauens
Ein zentraler Punkt in der Diskussion ist das R9-System, das Bauherren und Investoren helfen soll, effektive Maßnahmen zu identifizieren. Die oberste Priorität liegt dabei auf Verzicht, Überdenken und Reduzierung – Strategien, die nicht nur Kosten sparen, sondern auch CO₂-Emissionen minimieren können. Re-Use, die direkte Wiederverwendung von Bauteilen und Gebäuden, steht ebenfalls hoch im Kurs. Der Vorteil? Der ursprüngliche Material- und Energieaufwand bleibt erhalten, während Recycling oft zusätzliche Energie benötigt und die Qualität der Materialien beeinträchtigen kann.
Das Zusammenspiel von Architektur, Stadtentwicklung und nachhaltigen Praktiken wird in den kommenden Jahren entscheidend sein. Innovative Ansätze, wie die Wiederverwertung von Schlacke zu einem zertifizierten Baustoff oder die laufenden Projekte von Swietelsky AG und STRABAG, zeigen, dass es möglich ist, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig wirtschaftliche Potenziale zu nutzen. Die Sparkasse Oberösterreich verfolgt dies ebenfalls und setzt auf eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie bei der Generalsanierung ihres historischen Hauptgebäudes.
Am Ende des Tages stehen wir vor der Herausforderung, unseren urbanen Raum so zu gestalten, dass er sowohl für die Menschen als auch für die Umwelt funktioniert. Die Entwicklungen in Linz und Salzburg sind ein vielversprechender Schritt in die richtige Richtung, und es bleibt spannend zu beobachten, wie sich diese Initiativen weiter entfalten werden.